Wenn der Kunde sich Zeit lässt: Meine Erfahrungen mit Factoring (Wie ich meine Rechnungen einfach vorfinanziere)
heute widme ich mich meinem absoluten Lieblingsthema: Zahlungsmoral. Oder besser gesagt, der mangelnden Zahlungsmoral unserer lieben Kunden.
Kommt euch das bekannt vor? Ihr habt ein Projekt wochenlang durchgepowert. Nächte durchgemacht, Abgabe pünktlich geliefert. Der Kunde ist happy.
Ihr schreibt die Rechnung: „Zahlbar innerhalb von 14 Tagen“.
Und dann… passiert nichts.
Nach 30 Tagen kommt eine freundliche Mail aus der Buchhaltung des Kunden: „Ups, ist wohl im Spam gelandet, wir buchen es zum nächsten Zahllauf.“
Am Ende wartet ihr 60 Tage auf euer hart erarbeitetes Geld. Aber die eigene Miete, die Krankenversicherung und das Finanzamt? Die warten nicht.
Dieses Warten hat mich früher fast in den Wahnsinn getrieben. Bis ich Factoring (oder auch Rechnungsfinanzierung) für mich entdeckt habe.
Das ist kein klassischer Kredit, aber es bringt SOFORT Geld aufs Konto. Wie das funktioniert, was es kostet und ob das eure Kunden vergrault, erzähle ich euch in diesem Beitrag.
Was zum Teufel ist eigentlich Factoring?
Der Begriff klingt nach Großkonzern und komplizierter Finanzakrobatik. „Factoring für Freiberufler“ war lange Zeit ein Fremdwort. Früher haben das nur Speditionen oder Baufirmen gemacht.
Einfach erklärt ist es aber genial simpel: Ihr verkauft eure offene Rechnung an einen Finanzdienstleister (den Factor).
Das läuft so ab:
- Ich schreibe meine Rechnung über z.B. 3.000 Euro an meinen Auftraggeber.
- Ich lade diese Rechnung bei meinem Factoring-Anbieter hoch.
- Der Anbieter überweist mir innerhalb von 24 bis 48 Stunden das Geld auf mein Konto. Sofortige Liquidität!
- Der Kunde zahlt seine Rechnung dann später nicht an mich, sondern an den Factoring-Anbieter.
Warum das für mich der absolute Gamechanger war
Ich hatte mal einen Auftrag für eine große Agentur. Toller Name, super für das Portfolio. Aber deren Standard-Zahlungsziel war: 90 (!) Tage.
Ich konnte mir das schlichtweg nicht leisten. Drei Monate ohne Geldeingang? Da wäre ich pleite gegangen.
Mit Factoring hatte ich das Geld nach zwei Tagen. Ich konnte meine Rechnungen bezahlen, neue Hardware kaufen und entspannt schlafen.
Ein weiterer riesiger Vorteil: Schutz vor Zahlungsausfall.
Bei echtem Factoring übernimmt der Anbieter das Risiko. Wenn der Kunde plötzlich Insolvenz anmeldet und die Rechnung platzt, ist das nicht mehr mein Problem. Ich habe mein Geld ja schon! (Dafür prüfen die Anbieter aber vorher die Bonität eures Kunden).
Die große Angst: Was denken meine Kunden?
Das war mein größtes Hindernis am Anfang.
„Wenn auf der Rechnung eine andere Kontonummer steht, denkt der Kunde doch, ich bin pleite oder unseriös!“
Ganz ehrlich? Das juckt heute fast niemanden mehr. Factoring ist im B2B-Bereich völlig normal geworden. Große Unternehmen machen das selbst.
Trotzdem gibt es hier zwei Varianten, die ihr kennen müsst:
- Offenes Factoring: Der Kunde weiß bescheid. Auf der Rechnung steht ein Text wie: „Diese Forderung wurde an Anbieter XY abgetreten. Bitte überweisen Sie auf folgendes Konto…“ Das ist die Standardvariante.
- Stilles Factoring: Der Kunde merkt nichts. Er überweist auf ein Konto, das zwar dem Factor gehört, aber auf euren Namen läuft. Das ist super, wird aber für kleine Freelancer seltener angeboten oder ist deutlich teurer.
Ich fahre mittlerweile mit dem offenen Factoring total gut. Die Buchhaltungen meiner Kunden stört das überhaupt nicht, das ist für die nur eine andere IBAN im System.
Was kostet der Spaß? (Meine Rechnung)
Natürlich machen die Anbieter das nicht aus Nächstenliebe. Factoring kostet Gebühren. Und hier muss man genau hinschauen, damit man nicht abgezockt wird.
Die Gebühr liegt meistens zwischen 1,5 % und 4 % des Rechnungsbetrags, abhängig vom Zahlungsziel und der Bonität eures Kunden.
Ein Rechenbeispiel aus meiner Praxis:
- Rechnungsbetrag: 5.000,00 € (netto)
- Zahlungsziel des Kunden: 60 Tage
- Mein Anbieter (ich nutze z.B. aifinyo) berechnete mir dafür ca. 2,5 % Gebühr.
- Kosten: 125,00 €.
Ich bekomme also 4.875,00 € sofort ausgezahlt.
Jetzt müsst ihr euch fragen: Sind mir 125 Euro es wert, das Geld 60 Tage früher zu haben und mir keine Sorgen um das Mahnwesen machen zu müssen?
Für mich ist die Antwort: Ein klares JA.
Kleiner Tipp für die Steuer: Diese Factoring-Gebühren könnt ihr natürlich als Betriebsausgaben (Nebenkosten des Geldverkehrs) voll von der Steuer absetzen!
Welche Anbieter eignen sich für uns Freelancer?
Früher wollten Factoring-Gesellschaften Mindestumsätze von 100.000 Euro im Jahr sehen. Das hat sich geändert. Es gibt jetzt super moderne Fintechs, die genau auf uns zugeschnitten sind.
Hier meine Top 2, die ich mir angeschaut habe:
- aifinyo (ehemals Decimo): Die sind mein Favorit. Die Plattform ist easy. Man kann dort einzelne Rechnungen hochladen. Man ist nicht verpflichtet, ALLES über die laufen zu lassen (kein Rahmenvertrag-Zwang). Das nennt sich „Ausschnittsfactoring“. Perfekt, wenn man es nur für die nervigen, großen Rechnungen nutzen will.
- Billie: Auch sehr bekannt, super digital. Die App ist top. Besonders stark sind die, wenn ihr viel mit anderen Unternehmen (B2B) zusammenarbeitet. Das Onboarding geht extrem schnell.
Achtung: Factoring funktioniert in der Regel nur im B2B-Bereich. Wenn ihr Hochzeitsfotograf seid und eure Rechnungen an Privatpersonen (B2C) schreibt, nehmen die Anbieter das meistens nicht an, weil das Ausfallrisiko bei Privatleuten anders bewertet wird.
Factoring ist für mich kein Zeichen von Schwäche, sondern von cleverem Cashflow-Management.
Warum soll ich der Bank für den Dispo Zinsen in den Rachen werfen, nur weil mein Kunde seine Buchhaltung nicht im Griff hat?
Wenn ihr Rechnungen ab 500 Euro schreibt und eure Kunden Geschäftskunden sind, probiert es einfach mal mit einer Rechnung aus. Das Gefühl, den „Überweisen“-Button zu drücken und 24 Stunden später das Geld zu haben… da wird man fast süchtig nach.
Nutzt ihr Factoring schon oder lauft ihr eurem Geld immer noch hinterher (so wie ich früher mit 3 Mahnungen im Gepäck)? Schreibt es mir mal unten rein!